Wer hat Lust auf eine spontane Schießerei?

In der Fotoszene geht es offenbar sehr blutig zu. Scrollt man einmal durch die einschlägigen Foren und Facebook-Gruppen, wird überall geshootet was das Zeug hält. An jeder Ecke suchen Fotografen willige Opfer für ein Akt-, Portrait-, Fashion- oder sonstein Shooting. Ein unbedarfter Besucher aus dem englischsprachigen Ausland dürfte sich vorkommen wie im Wilden Westen, denn „Shooting“ heißt laut dem Cambridge Dictionary folgendes: „an occasion when someone is injured or killed by a bullet shot from a gun“. Da bekommt die Aussage „Ich habe gleich noch ein Hochzeitshooting“ plötzlich eine ganz neue Bedeutung…

Etablierter Blödsinn

Auch auf die Gefahr hin, dass ich jetzt den goldenen Klugscheißerorden am Bande verliehen bekomme, sollte zumindest an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass man korrekterweise – wenn es schon total international klingen soll – von einem „Shoot“ sprechen sollte. Man könnte selbstverständlich auch das altmodische „Fototermin“ verwenden. Allerdings klingt das natürlich überhaupt nicht cool und lässt einen eher an den piefigen Fotoladen an der Ecke denken als an einen hippen Lifestylefotografen.

Ja, auch ich bekenne mich schuldig im Sinne der Anklage. Neben vielen anderen Begriffen wie „Location“, „Setting“ oder „Outfit“ (für die es teilweise einfach keine vernünftige deutsche Entsprechung gibt) habe ich auch das „Shooting“ bisher regelmäßig benutzt. Einfach ohne groß darüber nachzudenken und weil jeder weiß, was damit gemeint ist. Dass es sich mittlerweile im Sprachgebrauch etabliert hat und wahrscheinlich für alle Zeiten fest im Fotografen-Vokabular verankert bleiben wird, macht eine kurze Google-Recherche deutlich. Hier habe ich einfach einmal die unterschiedlichen Begriffe in die Suche eingegeben und die Anzahl der Ergebnisse notiert:

  • Fotoshooting: 23.800.000 Ergebnisse
  • Fototermin: 1.340.000 Ergebnisse
  • Fotoshoot: 7.870.000 Ergebnisse

Vielleicht bin ich an dieser Stelle einfach ein wenig empfindlich. Aber mittlerweile sträuben sich mir beim Begriff „Shooting“ – im Hinblick auf die tatsächliche Bedeutung des Begriffs – immer mehr die Nackenhaare und ich habe mir vorgenommen, ihn mir nach Möglichkeit wieder abzugewöhnen. Auch wenn ich dann vielleicht als altmodischer Dinosaurier, Sprachfetischist oder sonstwas gelten mag.

Ganz vermeiden werden Fotografen den Begriff allerdings kaum können. Zumindest, wenn sie Wert darauf legen, in den Ergebnislisten von Google oder irgendeiner anderen Suchmaschine noch eine relevante Rolle zu spielen. Denn dann muss er quasi zwingend an prominenter Stelle auf ihrer Website vorkommen. „Fotoshooting“ ist einer der meistgenutzten Begriffe, wenn ein potenzieller Kunde nach einem Fotografen sucht – auch wenn er sicherlich nicht die Absicht hat, sich erschießen zu lassen…

Besonders zu diesem Thema würde mich Eure Meinung interessieren. Wie sieht Ihr das? Stört Ihr Euch auch an dem Begriff oder fragt Ihr Euch, wovon der alte Mann da eigentlich redet? Die Kommentare sind geöffnet…

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vor Portraitsession mit Sängerin Seluna

6 Kommentare

  1. Du sprichst mir in jeder Hinsicht aus der Seele! Allerdings geht es mir ebenfalls so, dass ich in meinen Beiträgen die Begriffe verwende, weil sie eben etabliert sind. Dennoch ist mir dieser Beitrag eine willkommene Anregung, künftig anders zu formulieren! Also, vielen Dank dafür 😉

  2. Moin, Stefan.
    Du sprichst mir aus der Seele.
    Genau darüber schreibe ich auch immer wieder. Ich schieße nicht, ich fange ein Motiv ein.
    Aber ich glaube, viele schießen mit ihrer Kamera tatsächlich. Hauptsache immer drauf. Anstatt zu beobachten und einen Moment zu entdecken, ihn einzufangen und dann wieder freizulassen.
    So wirst Du bei mir also nie die wirklich perversen Begriffe wie shooting und Co sehen. Da verzichte ich ganz selbstbewusst auf die Plazierung und bin totzdem oder deswegen glücklich.

    Aus unserem Beitrag „Unterwegs für neue Eindrücke“: …Und was uns berührt. Wir sehen mit dem Herzen und deswegen shooten wir kein Foto, also wir schießen nicht auf das Motiv. Vielmehr fangen wir die Stimmung ein in tiefen Respekt vor dem Motiv. Und so schafft es so manches Bild in die Galerie unseres Herzens…..

  3. Bei manchen Fotografen wirkt die Kamera in der Tat wie eine Waffe: Durch den Sucher als Zielfernrohr wird das Motiv per Dauerfeuer abgeschossen. Das ist ja sogar schon in den normalen Sprachgebrauch übergegangen. „Ich habe ein tolles Foto geschossen!“ (Und derjenige wurde sogar gut getroffen 🙂 ). Ich glaube, vielen Fotografen gefällt diese leicht martialische Sprache, die irgendwie an Gefecht oder Jagd erinnert.

  4. Danke! Ich fotografiere ausschließlich als Hobby und hatte immer dieses merkwürdige unbestimmte Gefühl, wenn Menschen von „Shootings“ sprachen. Dieses Gefühl hat jetzt einen Rahmen. Es gibt so vieles an Sprache, das wir ungeprüft übernehmen. Danke, nochmals, dass Du zu diesem Wortgebrauch etwas geschrieben hast.

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