Fotografieren auf einer Beerdigung?

Es gibt sicherlich viele Gelegenheiten, an denen man gerne einen Fotografen dabei haben möchte. Die Klassiker sind natürlich Hochzeiten, Taufen, runde Geburtstage und so weiter. Aber Beerdigungen? Wohl kaum einem trauernden Angehörigen käme es spontan in den Sinn, beim Organisieren einer Beerdigung einen Fotografen zu engagieren. Viel eher erscheint vielen im ersten Moment solch eine Idee ziemlich absurd und pietätlos. Außerdem handelt es sich dabei doch um eine sehr emotionale und persönliche Sache, bei der man sich am liebsten in einem geschützten Raum aufhält und nur die Familie und engsten Freunde um sich hat.

Genau das habe ich lange Zeit auch gedacht. Doch in den letzten Monaten habe ich einige Beerdigungen und Trauerfeiern fotografiert. Wie einige von Euch ja vielleicht wissen, bin ich als ehrenamtlicher Fotograf für Dein-Sternenkind aktiv, und in letzter Zeit bin ich häufiger von Eltern, die ich bereits von meinem Einsatz im Krankenhaus kannte, gefragt worden, ob ich nicht auch die Beerdigung ihres Kindes fotografieren könne.

Auch an eine Beerdigung will man sich erinnern

Als ich das erste Mal die Anfrage bekam, musste ich wirklich erst einmal schlucken, das darf ich ehrlich zugeben. Ich hatte Bammel, ganz klar. Was macht man da für Bilder? Wie soll ich mich verhalten? Da beerdigen Eltern ihr Kind und ich soll das fotografieren? Geht doch eigentlich gar nicht. Doch gleichzeitig ist solch eine Anfrage natürlich ein unglaublicher Vertrauensbeweis. „Wir möchten das gerne, und Du machst das schon richtig.“ Da es der ausdrückliche Wunsch der Eltern war, habe ich schließlich zugesagt und ihnen diesen Wunsch erfüllt. Danach kamen weitere Anfragen dieser Art, bei denen ich keine Bedenken mehr hatte, sie anzunehmen.

Es hilft natürlich immer sehr, sich mit Fachleuten auszutauschen. In meinem Fall war es Birgit Rutz von Hope’s Angel. Sie ist unter anderem ausgebildete Trauerbegleiterin und konnte mir im Rahmen der gemeinsamen Vorbereitung und des Austauschs wertvolle Hilfestellungen geben. Wir haben bereits eine Reihe von Beerdigungen gemeinsam gemacht und es hilft sehr, wenn man denjenigen kennt, der das Ganze organisiert und man sich absprechen kann: Wie ist der Ablauf, wer steht wo, welchen Weg nimmt der Trauerzug zum Grab, und so weiter. Denn letztendlich geht es auch hier um Teamwork. Und, ob Ihr es glaubt oder nicht, selbst bei dieser Art von „Aufträgen“ entwickelt man mit der Zeit eine gewisse Routine…

Schild zum Sternenkinder-Feld auf einem Friedhof - Fotografie Stefan Wiede

Wie soll ich mich verhalten?

Ich habe schon öfter von Fotografen gelesen, die, meistens von Verwandten oder Freunden, gebeten wurden, eine Beerdigung fotografisch festzuhalten und sich dann hilfesuchend an die Community gewandt haben. Die Unsicherheit ist dann groß und es kommen immer wieder die gleichen Fragen auf, die ich mir auch beim ersten Mal gestellt habe. Vor allem ist es die Angst, zu stören oder unangenehm aufzufallen. Ganz offensichtlich befindet man sich als Fotograf dann in einer schwierigen Situation: Einerseits will man die Zeremonie so wenig wie möglich stören, andererseits sollen ja schöne (im Sinne von visuell ansprechende) Bilder entstehen, was bedeutet, dass man ja irgendwie auch nah dran sein muss.

Blumenschmuck auf einer Beerdigung - Fotografie Stefan Wiede

Vermutlich wird jeder Fotograf die Sache ein wenig anders angehen. Ich persönlich nutze nach Möglichkeit eine längere Brennweite, um, sofern es die örtlichen Gegebenheiten erlauben, aus einem gewissen Abstand zu fotografieren. Der Nachteil daran ist, dass beispielsweise ein 70-200mm-Objektiv schon sehr Paparazzi-mäßig aussieht und man damit auf keinen Fall unauffällig arbeiten kann. Ich wurde einmal sogar von einer Friedhofsbesucherin, die zufällig vorbei kam, gefragt, ob es sich um die Beerdigung eines Promis handeln würde und ich ein Fotograf der GALA oder so sei…

Nunja, das nur nebenbei. Trotzdem finde es es immer noch besser, als direkt um die Trauergemeinde herumzuturnen und dabei unnötige Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. In diesem Fall ist es für mich das größte Kompliment, hinterher zu hören: „Wir haben Dich überhaupt nicht bemerkt!“ Natürlich entgeht einem so möglicherweise das eine oder andere Foto, weil sich vielleicht plötzlich eine Person ins Bild schiebt und man nicht die ganze Zeit hektisch den Standort wechseln will. Dann gibt es dieses Bild eben nicht, ist dann so.

Auch halte ich mich sehr zurück, wenn es um das Fotografieren der beteiligten Personen geht. Jeder hat da sicherlich seine eigene Grenze, was er fotografiert und was nicht. Natürlich sind die Menschen auf der Beerdigung traurig, weinen und halten sich vielleicht gegenseitig im Arm. Das gehört dazu und darf auch fotografiert werden. Schließlich sind die Fotos nicht für die Zeitung sondern nur für die Familie bestimmt. Wenn aber beispielsweise die Eltern am Sarg ihres Kindes weinend zusammenbrechen, sollte man die Kamera einfach mal weglegen. Auch formatfüllende Nahaufnahmen tränenüberströmter, verzerrter Gesichter verbieten sich meiner Meinung nach von alleine. Wir sind ja nicht von der BILD.

Blumen auf einer Beerdigung - Stefan Wiede Fotografie

Eigentlich so wie immer

Was ist aus meiner Sicht sonst noch wichtig, wenn man eine Beerdigung fotografiert? Der Leise- oder, falls vorhanden, Lautlosmodus für den Auslöser ist ein Muss. Auf den Serienbildmodus darf auch gerne verzichtet werden, vor allem, wenn die Kamera nicht leise gestellt werden kann. Eine laut knatternde 10 Bilder pro Sekunden-Salve reißt sicherlich jede Trauergemeinde aus der andächtigen Stimmung.
Außerdem sollte es selbstverständlich sein, dass jeder der Anwesenden im Vorfeld darüber informiert ist, dass ein Fotograf anwesend sein wird. Das gibt dann jedem die Chance zu überlegen, ob er fotografiert werden möchte oder nicht. Falls jemand dabei ist, der es nicht möchte, ist dieser Wunsch selbstredend zu respektieren. Das ist auf einer Beerdigung nicht anders als auf einer x-beliebigen Familienfeier.

Ansonsten gilt, was eigentlich immer bei jeder Art der Menschenfotografie gelten sollte: Verlasst Euch auf Euer Gefühl und den gesunden Menschenverstand. Macht schöne, pietätvolle Fotos mit Respekt und Empathie. Und, ja, man fühlt sich irgendwie immer etwas fehl am Platz, wie ein Voyeur oder Paparazzo. Das vergeht offenbar nicht. Mir hilft es dann, wenn ich mir das Wesentliche vor Augen führe: Jemand möchte, dass ich diese Bilder mache. Und diese Bilder sind der Person sehr sehr wichtig.

Meine Antwort auf die Frage

Darum lautet meine Antwort auf die Frage in der Überschrift eindeutig JA! Diese Fotos sind für die Angehörigen sehr wichtig und sicherlich im Falle der Eltern, die ihr Kind begraben, nochmals wichtiger. Sie dokumentieren auf respektvolle und würdevolle Weise, was war und helfen dabei, dass die Erinnerungen nicht verblassen. Ganz aktuell, während der Corona-bedingten Einschränkungen kommt noch ein wesentlicher weiterer Aspekt dazu: Oftmals können nicht alle Verwandten oder andere Menschen, die gerne mit Abschied genommen hätten, an der Beerdigung selbst dabei sein. In diesem Fall können Fotos zumindest einen kleinen Eindruck davon vermitteln und vielleicht ein wenig Trost spenden.

Zum Schluss noch ein kleiner Hinweis zu den hier gezeigten Bildern: Natürlich mache ich auf einer Beerdigung auch andere Fotos als nur von Blumen oder Händen. Diese kann und möchte ich an dieser Stelle aus nachvollziehbaren Gründen allerdings nicht zeigen.

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vor Panoramaaufnahme mit 245 Megapixeln

4 Kommentare

  1. Gute Gedanken zu einem Thema, dass wir für uns selbst zwar nicht als Lebensmittelpunkt sehen, aber auch nicht nur verdrängen sollten. Und dein Ja zur Fotografie dabei kann ich nur bestätigen. Aber sehr mit viel Einfühlung, Rücksichtnahme und im Zweifel ohne das ein oder andere Foto gemacht zu haben.
    Mein erstes Mal mit Kamera auf einer Trauerfeier war für jemanden, der selbst aus gesundheitlichen Gründen nicht bei der Beerdigung der eigenen Schwester anwesend sein konnte. Danach habe ich erst gemerkt, wie sehr Fotos bei der „Trauerarbeit“ helfen können. Man kann gemeinsam erinnern, sprechen, Abstand gewinnen.
    Wer sich zutraut, leise und sensibel zu fotografieren, den kann ich dazu nur auffordern. Am besten mit einem zeitlosen Fotoalbum als Ergebnis.

  2. Unser Sohn wird jetzt im Mai Beerdigt.

    Kann man über Dein Sternenkind anfragen zwecks Fotos machen? Oder wie liefe das?

    Wir hätten gerne, dass jemand für uns Erinnerungen von der Beerdigung schafft.

    Liebe Grüße

  3. ES scheint in Skandinavien üblich gewesen zu sein, Verstorbene zu portraitieren. Und eben auch die Beerdigung.
    In einer Ausstellung im Freilichtmuseum Lillehammer wurde diesem Thema ein eigener Raum gewidmet. Mir gingen dort die Bilder der aufgebarhrten Kinder sehr nahe.

    Man muss schon sehr viel Einfühlungsvermögen haben, um verantwortungsvoll Bilder zu machen. Das müssen wenige sein, aber die müssen wirklich passen.

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